Von Bismarck lernen, heißt siegen lernen – Rückgabe von Vermessungsschriften aus der Sicht einer ÖbVI

Sowohl die Form als auch die Gründe für die Rückgabe von Vermessungsschriften sind in den letzten Jahren Gegenstand vieler teils hoch emotional geführter Diskussionen zwischen allen Funktionsträgern des amtlichen Vermessungswesens im Land Brandenburg gewesen. In den verfügbaren Protokollen aus diversen Beratungen zum Thema wird überwiegend die Sicht der Katasterbehörden gespiegelt. Höchste Zeit also, eine Vertreterin des freien Berufes zu Wort kommen zu lassen.

Vorwort
Im Grunde dürfte es überhaupt kein Problem geben. Es ist schließlich alles geregelt. Die Verwaltungsvorschrift zur Qualitätskontrolle bei der Fortführungsentscheidung über die Vermessungsschriften regelt auf überschaubaren drei Seiten das Verfahren zur Qualitätssicherung bei der Fortführung des Liegenschaftskatasters.
Und um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen; wir sprechen hier nicht über ein technisches Hilfsverzeichnis, sondern über das amtliche Verzeichnis der Grundstücke gemäß § 2 Absatz 2 der Grundbuchordnung als einen wesentlichen Teil des Grundeigentumssicherungssystems der Bundesrepublik Deutschland. Die dafür zwingend notwendige Qualität des Liegenschaftskatasters kann auf Dauer nur durch eine durchgehende Kontrolle aller Verfahrensschritte sichergestellt werden. Diese soll sowohl bei der Daten erhebenden Vermessungsstelle, als auch anschließend in der zuständigen Katasterbehörde erfolgen. Das Problem scheint mir auch weniger bei den bedeutsamen Qualitätsaspekten zu liegen. Hier ist eine Rückgabe der Vermessungsschriften ermessens(fehler)
frei zwingend geboten. Über grobe Fehler, die nach den statistischen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nun einmal unvermeidbar sind, sollte man auch nicht diskutieren, sondern sie schnell und geräuschlos aus der Welt schaffen.

Unsere gemeinsamen Kunden haben schließlich für ein einwandfreies, zeitnah zu erbringendes Produkt bezahlt. Hier herrscht, denke ich, auch weitgehend Konsens in Brandenburg. Ungleich problematischer dagegen scheint mir der Punkt 2.3 in der genannten Vorschrift zu sein. Dort heißt es: „Geringfügige Qualitätsmängel können von der Katasterbehörde behoben werden.“ Wir haben hier ein Phänomen, welches es im hoch regulierten Verwaltungsrecht in Brandenburg sonst kaum mehr gibt; ein freies Ermessen bei den Katasterbehörden. Diese verwaltungsrechtlich gebotene Einzelfallentscheidung sorgt regelmäßig für Zwist. Insbesondere dann, wenn die baurechtlichen Aspekte, welche für den Endkunden vordergründig im Raum stehen, scheinbar vernachlässigt werden. Ein solcher Fall, über den Frau Friedrich sich maßlos geärgert hat, soll hier vorgestellt werden. Lassen wir also eine Vertreterin des freien Berufes zu Wort kommen.



Die Rückgabe von Vermessungsschriften provoziert immer wieder nicht enden wollende alte und neue Diskussionen. Eigentlich dürfte es das nicht geben, denn das Liegenschaftskataster als amtliches Verzeichnis der Grundstücke ist „durchgeregelt“.

Um es vorweg zu nehmen, ich befürworte die Prüfung der Vermessungsschriften durch die Katasterbehörde. Nach Bismarck´scher Manier wünsche auch ich mir den berühmten Blick über den Tellerrand. Denn „Mit schlechten Gesetzen und guten Beamten lässt sich immer noch regieren. Bei schlechten Beamten helfen uns die besten Gesetze nichts.“ (Otto Fürst von Bismarck an Wagener, 1850; gefunden bei www.gutzitiert.de) Werde ich gefragt: „Was machen Sie denn so als Vermesserin?“ und „Ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf?“ so lautet meine Antwort: „DAS kann man sogar studieren!“. DAS heißt dann Geodäsie. Es geht um Koordinatensysteme, bei denen x und y an die Sterne und die Höhe ans Quasigeoid angehängt werden. DAS wäre dann höhere Wissenschaft. Hier ernte ich dann meist verständnisvolles Nicken. Aber Vorsicht: Bei Kindern funktioniert das nicht!

Wenn ich dann weiter auf die niedere Geodäsie, die Katastervermessung, zu sprechen komme, blicke ich in fragende Gesichter. Ja, was machen wir eigentlich in der Katastervermessung? Die beschäftigt sich seit alters her mit der Eigentumssicherung. Heute allerdings habe ich den Eindruck, dass LZK, BZA, GST und Co das Maß aller Dinge sind. Das Sammeln von Daten steht breit im Vordergrund. Natürlich formvollendet unter Einhaltung aller Vorschriften. Ob diese Daten zu Fluch oder Segen werden können, hängt entscheidend von ihrer intensiven Pflege und ihrer Würdigung ab.

Hier ein Beispiel aus dem Tagesgeschäft, das zeigt, wie unterschiedlich Daten interpretiert werden. Bauwillige kaufen ein Grundstück, das aus mehreren Flurstücken besteht.
Die Vereinigung und die Verschmelzung laufen parallel zum Bauantrag. Beide Instrumente verstehe ich als Eigentumspflege. Im Grundbuch und im Kataster werden Buchungseinheiten verringert und die Flurkarte wird übersichtlicher. Aus Servicegründen werden die vorhandenen Grenzzeichen der äußeren Eigentumsgrenze angezeigt und Grenzpunkte ohne Grenzzeichen temporär mit einem Holzpfahl markiert. So klappt das Einzäunen mit dem Nachbarn.

Nehmen wir an, dass das Baugrundstück im Geltungsbereich eines Bebauungsplanes liegt. Über Terrassen trifft der Bebauungsplan keine Aussage. Daher gilt: eine an das Wohnhaus angrenzende Terrasse zählt in die maximal zulässige Grundfläche. In diesem Fall betrug die zulässige Grundfläche (GR) damit 147 m².

Was heute schon ein kleines Haus darstellt. Das geplante Wohnhaus hatte einen rechteckigen Grundriss von 14 x 10,50 m. Das Dach war als Walmdach ausgebildet. Unter dem Dach wurde eine Terrasse von etwa 3 x 4 m eingeklinkt. Noch einmal ganz deutlich: auf der Terrasse steht ein Pfeiler, der das Dach trägt. Die Terrasse ist also kein bloßer Sitzplatz unter freiem Himmel. Die Baugenehmigung wurde erteilt. Dann wurde  gebaut. Danach wurde es Zeit für die Gebäudeeinmessung.

Die eingereichte Fortführungsvermessung wurde von der Katasterbehörde, unterstützt durch das Dezernat Qualitätsverbesserung/Qualitätsmanagement im Landesbetrieb Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg, bemängelt.

Drei dieser „Mängel“, harmlos beginnend – fürchterlich endend, sind nachfolgend aufgezählt:
  • Das deutliche Streichen einer Maßzahl wäre unzulässig. Bereits in der Lehrausbildung werden angehende Vermesser darauf getrimmt, Streichungen leserlich durchzuführen. Das tut der Urkunde Fortführungsriss keinen Abbruch. Ein Überschmieren dagegen ist neudeutsch ein „NO GO“.

  • Der Antrag lautete auf Gebäudeeinmessung. Eine Abmarkung war nicht beantragt. Es fehle die Grenzniederschrift und die Art der Abmarkung entspräche nicht den Anforderungen an selbige. Es besteht ein Unterschied zwischen Abmarkung (dauerhafte Kennzeichnung eines Grenzpunktes) und einer Vermarkung (kleine Tagesmarke und damit temporäre Kennzeichnung eines Grenzpunktes). Nach meiner Lesart der Zeichenvorschrift-Riss ist es unschädlich, einen Pflock als vorgefundene Tagesmarke des Grenzpunktes darzustellen. Denn es gibt durchaus Grenzpunkte, die gleichzeitig Polygonpunkte oder Aufnahmepunkte sind. Das Katasteramt argumentierte so, dass ein Grenzpunkt nicht gleichzeitig als Vermessungspunkt geführt werden kann. Beide Seiten haben diesen diskussionswürdigen Punkt so gelöst, dass im Riss an die Tagesmarken ein Stern mit der Bemerkung „keine Abmarkungen“ angebracht wurde.

  • Der Gebäudepunkt (Pfeilerecke) kann entfallen, da Überdachungen unter 100 m² nicht ins Liegenschaftskataster übernommen werden. Flugs mal nachgeschaut: Was steht im „Verzeichnis der im Liegenschaftskataster nachzuweisenden Anlagen“? Eigenständige Überdachungen, die größer sind als 100 m², sind einmessungspflichtig.

Das Dach über der Terrasse, das vom Katasteramt als freistehende Überdachung bezeichnet wurde, ist doch aber Bestandteil des Wohnhauses. Der Pfeiler, der auf der Terrasse steht, trägt das Hausdach. Spätestens mit der Einführung des dreidimensionalen Katasters muss ohnehin der komplette Umriss auch unter dem Dach dargestellt werden. In der Bauleitplanung und im Baugenehmigungsverfahren zählt die Terrasse unter dem Dach des Wohnhauses in die Grundfläche. Der Bauherr musste sich also bei der Grundfläche auf die 147 m² beschränken, sonst hätte er keine Baugenehmigung erhalten. Nach der Gebäudeeinmessung erscheinen nun die Terrasse und ein Teil des Daches nicht in der Flurkarte. Kein Intervenieren konnte da helfen.
Bei mir löste diese Übernahme Befremden aus.

Drei grundsätzliche Fragen stellten sich mir:
Zum einen: Was denkt der Bauherr, der im Baugenehmigungsverfahren um jeden Quadratmeter Wohnfläche gekämpft hat? Er kommt ins Grübeln. Da hätte er doch die Grundfläche des Hauses um 12 m größer bauen können, wenn die überdachte, die das Dach tragendende Terrasse jetzt plötzlich nicht mehr zählt? Kann er den Behörden noch trauen?
Welcher Behörde soll er trauen? Sicher, der Artikel 14 des Grundgesetzes sichert das Eigentum. Er schränkt es aber auch ein, denn „Eigentum verpflichtet“. Hier fühlt sich der Bauherr zu Recht über Gebühr „verpflichtet“.
Sein Eigentum wurde nicht nur nicht gesichert. Sondern sein Kapital wurde geschmälert. Hat das noch etwas mit Eigentumssicherung zu
tun? Was machen wir?

Zum anderen: Für wen fertigen wir die Flurkarten? Bisher wurden große Anstrengungen unternommen, die Produkte der Vermessungs- und Katasterverwaltung interessant und dadurch vermarktbar zu machen. So wird die Erstellung von 3D-Modellen vorangetrieben. Aber welcher Leitungsbetreiber zeigt an Flurkarten Interesse, in denen Gebäude nur zur Hälfte dargestellt sind? Und nicht zuletzt: Otto von Bismarcks Sicht auf die Welt ist heute noch aktuell. Wir brauchen exzellent ausgebildete, im Wortsinne „gute“ Fachkräfte. Der Fachkräftemangel wird nicht erst kommen. Er ist schon da.

Was geschah nach der Fortführung? Nichts! Denn die Bauherren sind in aller Regel mit LEBEN beschäftigt. Sie haben keine Zeit, keine Nerven und auch nicht die fachliche Kompetenz. Sie sind lustig und ahnungslos. Denn sie sollten zu Recht darauf vertrauen können, dass staatliche Stellen sorgfältig mit ihrem Kapital umgehen. Was aber, wenn man auf ein gebranntes Kind trifft? Einen, der unschöne Erfahrung mit behördlichem Tun gesammelt hat? Er wird sich beschwert fühlen und versuchen, den Rechtsweg zu beschreiten. Beklagter wird die Gemeinde, das Bauordnungsamt des Landkreises, der Öffentlich bestellte Vermessungsingenieur oder die Katasterbehörde sein. Fällt Ihnen hier auch das Sprichwort: „Den Letzten beißen die Hunde!“ ein?

Dieses Beispiel ist ein Einzelfall, der keiner ist. Seit der Entstehung des Liegenschaftskatasters im Jahr 1865 wird permanent an der Qualitätsverbesserung gearbeitet. Ein oft gehörter Satz in der Vergangenheit war: “Das Wichtigste ist, dass es fertig wird.“ Fertig wird das Liegenschaftskataster wohl nie. Das liegt auch an der Individualität der Grundstücke und der Bauvorhaben. Emotional sind diese so hoch belastet, wie es der Kauf eines Neuwagens ist. Ein simpler Formalismus für eine komplexe Sache? Das wäre wie die eierlegende Wollmilchsau. Daher wird die Diskussion um die Qualitätssicherung weitergehen. Das setzt voraus, dass dies mit dem nötigen Augenmerk und Fachverstand geschieht.

Nachwort
Frau Friedrich hat einen Einzelfall vorgestellt. Und zweifelsfrei entsprechend ihrer Stimmung nicht ganz ohne Polemik. Der Artikel 14 des Grundgesetzes scheint mir persönlich hier nicht gefährdet. Wenn wir eine ehrliche Diskussion wollen, müssen wir aber auch abweichende Meinungen aushalten können. Dazu kommt; auch bei mir auf dem Schreibtisch in der Katas­terbehörde im Landkreis Oberhavel liegen diverse vergleichbare Einzelfälle, insbesondere bei den scheinbar weniger wichtigen Vermessungsschriften zur Gebäudeeinmessung. Und die dritte Dimension im Liegenschaftskataster steht tatsächlich vor der Tür. Deren Auswirkungen sollten wir ruhig schon jetzt im Blick behalten. Im Rahmen der Klausurtagung der Leiterinnen und Leiter der Katasterbehörden, dem Vorstand des BDVI (Landesgruppe Brandenburg), der Leitung der LGB sowie des MIK Referat 13 am 30. Juni 2016 zum Thema wurden eine ganze Reihe von Lösungsansätzen diskutiert.

Mein persönliches Resümee dieser Gesprächsrunde lautete folgendermaßen:
Verständnis für die Rolle der Handelnden schärfen
in den Rückweisungen die verletzten Vorschriften sachlich benennen
Aufsicht beteiligen, um weiße von tiefgrauen Schafen zu trennen
einheitlich handeln … soweit möglich
Vielfalt zulassen

Wir haben im Landkreis Oberhavel diese Empfehlungen umgesetzt. Seither hat sich im Umgang zwischen freiem Beruf und Katasterbehörde viel Positives getan. Die gerade erst in Gang gekommene Diskussion über das Thema Qualitätssicherung im Liegenschaftskataster muss aber weitergeführt werden und in messbaren Ergebnissen im Sinne des ressourcengerechten Umgangs mit Rückweisungen münden.

Für eines der nächsten Hefte hat der Leiter einer brandenburgischen Katasterbehörde zugesagt, seine Sicht zum Thema darzulegen. Dort ist auch ganz sicher noch Platz für Lesermeinungen.

Quellen:
[1] Verwaltungsvorschrift zur Qualitätskontrolle bei der Fortführungsentscheidung über die Vermessungsvorschriften (Fortführungsentscheidungsvorschrift – VVFortEnt); Erlass des Ministeriums des Innern vom 30. April 2012, verfügbar unter: http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1071/2012­04­30_VVFortEnt.pdf
[2] Grundbuchordnung (GBO); Grundbuchordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 26.05.1994 (BGBI. I S. 1114), zuletzt geändert durch Gesetz vom 18.07.2017 (BGBI. I S. 2745)
[3] ALKIS
®­Richtlinien Brandenburg; Erlass des Ministeriums des Innern und für Kommunales vom 23. März 2017, verfügbar unter: http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1071/2017­03­23_ALKIS­RLmit­Anlagen.pdf
[4] Verzeichnis der im Liegenschaftskataster nachzuweisenden baulichen Anlagen nach § 8 Absatz 1 des Brandenburgischen Geoinformations­ und Vermessungsgesetzes; Erlass des Ministeriums des Innern vom 1. Juli 2009, verfügbar unter: http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1071/2009­07­01_Verzeichnis­baulicherAnlagen.pdf
[5] Zeichenvorschrift für Vermessungsrisse (ZV­RISS); Erlass des Ministeriums des Innern vom 7. Juni 1999, verfügbar unter: http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1071/83002800.pdf
[6] Verwaltungsvorschrift zur Erfassung der Geobasisdaten der Liegenschaften und zur Durchführung der Vermessungsverfahren (Liegenschaftsvermessungsvorschrift – VVLiegVerm); Erlass des Ministeriums des Innern vom 1. Juli 2010, zuletzt geändert durch Erlass des Ministeriums des Innern vom 24.10.2014, verfügbar unter: http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1071/2010­07­01_VVLiegVerm_2014­10­24.pdf

Silke Friedrich
Öffentlich bestellte Vermessungsingenieurin in Oranienburg
info@vermessung-friedrich.de

Frank Netzband
Katasterbehörde im Landkreis Oberhavel
frank.netzband@oberhavel.de


Zuerst erschienen auf: https://www.geobasis-bb.de/geodaten/verm_bb.htm